Ein neuer Tag in Carima.

Als ich den Marktplatz betrat, wurde ich bereits erwartet – oder besser gesagt: entdeckt. Jungfer Blue und Sir Levi waren in eine Diskussion vertieft, deren Tragweite ich zunächst unterschätzte.
Es ging um Käse.

Genauer gesagt: um den Namen einer Käseverkäuferin. Und nicht irgendeinen Namen. Nein – er musste mit „K“ beginnen.
Warum? Nun, wie ich erfuhr, stellt man auf Sir Levis Insel offenbar ausschließlich Käseverkäuferinnen ein, deren Name mit einem K anfängt. Eine Art alphabetische Reinheitsvorschrift. Vielleicht eine neue Form magischer Ordnung. Vielleicht auch einfach Langeweile.
Vorschläge wurden gemacht. „Kriemhild.“, „Kamilla.“, „Käse-Käthe.“ Ich bot „Karl“ an. Man korrigierte mich dezent – weiblicher Natur müsse der Name sein. Also „Karla“. Wurde abgelehnt. Existiere bereits am Markt.
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Darauf wage ich einen verrückten Vorschlag: „Knallerba“. Wurde missverstanden. Als „Knallerbse“. Und beinahe zur Beleidigung erklärt. Ich fragte schließlich das Offensichtliche: Hat diese ominöse Käseverkäuferin denn keinen Namen? Die Antwort: Doch. Aber alle Käseverkäuferinnen müssen mit K beginnen.
Aha. Ich schlug vor, man möge doch einfach ihren Geburtsnamen verwenden. Oder – welch kühner Gedanke – einen neuen hinzufügen. Luba allerdings war überzeugt, ihr Namensbuch enthalte sämtliche existierenden Namen. Alle. Ich zog das Kinn hoch und widersprach. Es gibt immer mehr Namen, als Bücher fassen können.
Der Höhepunkt der Debatte war die Idee, eine Anzeige auszuhängen. Zunächst am schwarzen Brett – was jedoch nur für Todesanzeigen vorgesehen sei. Also müsse ein weißes Brett her. Das wolle Jungfer Blue noch zurechtsägen.
Kurz darauf verabschiedeten sich die Damen. Ich wandte mich an Levi und fragte, ob die Ladies allesamt ein wenig… nun ja… entrückt seien. Ich zitiere mich mal selbst:
Elyion Arai: Sind die Ladies alle Gaga? *kreist mit Finger um die Schläfe*
Leviathan Blackadders: Ja in manchen Fällen schon und an bestimmten Tagen auch.
Ich beschloss, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Aber persönlich wäre ich ja für „Feta“ gewesen. Hat kein K. Aber Charakter.
„Nun … ist ja auch egal“, sagte ich und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Ich bin hier, weil ich etwas in Erfahrung bringen möchte …“ Levi sah mich ruhig an. „Was hält Euch auf zu fragen?“ Ich atmete durch. „Wie fange ich das am besten an? Ich kam später zur Audienz. Hatte zuvor noch etwas zu erledigen. Daher erhielt ich lediglich Canidios Bericht.“ Ich hob den Blick. „Ihr dürftet ebenfalls ein Manuskript erhalten haben.“, „Ja“, nickte er. „Eine Zusammenfassung.“

„Und Ihr wisst, worauf ich anspiele?“ Er zögerte nicht. „Man hat Niffelchen erwähnt. Und meinen Namen im Zusammenhang damit gebracht.“ Ich muss gestehen – mein Gesicht sprach wohl Bände. „Was ist los mit Eurem Gesicht?“, fragte Levi trocken.
„Wir haben uns immer bemüht“, erwiderte ich scharf, „diese Angelegenheit nicht auf der Audienz an die große Glocke zu hängen. Und dann kommt diese… diese Flatterelfe daher und posaunt es vor allen aus! Wisst Ihr, was das bedeutet?“ Levi strich sich nachdenklich über den Bart.„Es ist kein guter Zeitpunkt. Besonders, wenn Niffelchen davon erfährt. Es könnte wieder zu einem Zwischenfall kommen.“
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Spitzname: Niffelchen. Nichneven |
„Ja!“, fuhr ich auf. „Wir haben versucht, die Gefahr im Stillen abzuwenden – und nun ist sie Gesprächsthema. Sogar hier auf dem Marktplatz.“ Levi nickte langsam. „Sogar am Hafen spricht man davon.“ Das war es also. Nicht nur ein Gerücht. Ein Lauffeuer. „Sie ist gewissermaßen enttarnt“, sagte ich leiser. „Und ich fürchte, sie wird das nutzen. Vor aller Augen.“, „Das wäre schlecht. Nicht nur für uns.“
„Wer weiß“, murmelte ich, „was sie mit dieser Elfe anstellen wird. Schließlich ist sie es gewesen, die ihr Plappermaul nicht halten konnte.“ Levi hob eine Augenbraue. „Ich hoffe, Ihr wollt jetzt keine detaillierte Beschreibung dessen, was sie ihr antun könnte.“, „Nein“, erwiderte ich kühl. „Die Vorstellung genügt.“ Er nickte. „Es ist denkbar.“
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| Präsentation der Brandspuren von Nichneven |
Ich schnaubte leise. „Und außer in Herzchenformation zu tanzen und Blümchen erblühen zu lassen, kann dieses Elfchen rein gar nichts.“, „Das ist verdammt wenig“, meinte Levi trocken. Ich musterte ihn. „Man sagte mir, sie habe mit Euch gesprochen.“ Eine kurze Pause.
„Wart Ihr der Auslöser dieses Desasters?“„Inwiefern soll ich das verstehen?“ Ich trat einen Schritt näher. „Woher hat sie all diese Informationen?“ Levi blieb ruhig. „Also ich habe sie ihr nicht gegeben.“ Und genau dort begann mein Misstrauen. Levi sah mich fest an. „Ich weiß sehr wohl, dass uns die Heimlichtuerei davor geschützt hat, dass Nichneven zur Furie wird.“, „Was passiert ist, ist eine ausgemachte Katastrophe!“, entgegnete ich scharf. „Ich verspüre allen Ernstes den Wunsch, so verrückt im Kreise zu rennen wie Frekya.“

Ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht. Er setzte an, mir beruhigend die Hand auf die Schulter zu legen. „Untersteht Euch!“, zischte ich ihn an. Mein Blick hätte mühelos einen Feuerstrahl freisetzen können. Doch Levi ließ sich nicht beirren. Die Hand ruhte schließlich doch auf meiner Schulter. „Werter alter Freund …“, begann er ruhig. „Was würde es Euch bringen, wie wild im Kreise zu laufen? Frekya ist jung. Unerfahren. Aber Ihr und ich—“
„—sind alt und erfahren?“, fauchte ich. „Wir haben schon für weitaus Schlimmeres einen Weg gefunden.“ Ich sog die Luft scharf durch die Nase. „Ich bin zu Gefühlsduselei nicht aufgelegt. Wir müssen handeln. Die Zeit drängt!“ Dann kam mir ein weiterer Gedanke. „Und ich würde gern wissen, warum sie überall ihre Spuren mit diesem Wüstensand hinterlässt. Will sie uns verhöhnen? Sollen wir glauben, wir seien in ihren Augen nichts weiter als Staub?“

Plötzlich wurde Levi laut. So laut, dass selbst die Möwen verstummten. „Reißt Euch zusammen!“ Ein Knurren lag in seiner Stimme. Ich knurrte zurück wie ein Echo. Er zog die Hand zurück. Seine Pupillen wirkten ungewöhnlich gerundet. „Ich weiß noch nicht alles“, sagte er nun wieder ruhiger. „Aber ich vermute etwas, das Euch interessieren dürfte.“ Ich schwieg. „Sie hat versucht, das Buch zu öffnen. Das steht fest.“ „Das Buch …“, murmelte ich. „In meinem Zorn hatte ich es beinahe vergessen.“
„Seid froh, dass sie es nicht konnte. Der Schutzzauber war exzellent gewirkt. Und er besteht noch.“ Ich nickte langsam. „Nun zur Wüste“, setzte er an. „Ich weiß, wo sie liegt.“ „Amazonien hat keine“, entgegnete ich scharf. „Also muss sie den Sand von anderswoher haben.“

Levi sah mich bedeutungsvoll an. „Wie sagt man so schön? Ein schlauer Fuchs …“ Ich verzog das Gesicht. „Der Originaltitel des Buches“, fuhr er fort, „lautet: *Meister der großen Weltenzerstörung.*“ Ich blickte zum Himmel. „Die großen Welten – der Abyssos, die heiligen Himmel … und auch diese Welt hier gehört dazu.“ Ein kalter Wind strich über den Hafen.

„Ihr wollt weder in die Tiefe noch in die Höhe“, sagte Levi leise. „Aber genau dort liegen die Antworten.“ Ich trat zum Rand des Piers und trat einen Stein so heftig fort, dass er gegen den Rumpf eines Schiffes schlug. Für einen Moment glaubte ich, Holz splittern zu hören. „Kriegt Euch endlich wieder ein, alter Mann“, brummte Levi. „Leichter gesagt als getan“, knurrte ich zurück. Denn zwischen Zorn und Vernunft liegt manchmal nur ein schmaler Grat – und unter ihm nichts als Abgrund.
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„Was soll man vom Magus von Carima denken?“, fuchtelte Levi herum. „Mich hält man ohnehin für einen verrückten Zauberzausel“, entgegnete ich trocken. „Also was soll’s.“ Er musste sein Lachen sichtlich unterdrücken.
„Nun… die Wüste“, setzte er erneut an. „Käst Euch aus, alte Schuppe“, knurrte ich. „Ihr klingt wie ein Rezitierer verstaubter Schwarten.“ Ein zufriedenes Lächeln legte sich auf sein Gesicht. „Was wäre, wenn ich die Wüste gefunden hätte?“ Ich verschränkte die Arme. „Ihr rennt doch durch jedes Portal, das Ihr finden könnt. Eiswüsten, Schattenrisse, halb vergessene Ebenen – mich wundert nichts mehr.“

Wortlos hielt er mir ein kleines Säckchen entgegen. „Nanana. Etwas mehr Contenance“, meinte er. „Ich laufe dafür nicht kreisend Amok.“ „Ich habe bereits genug Proben erhalten“, brummte ich und griff danach. „Ich bin beinahe Sandhändler.“, „Dieser Sand stammt aus jenem Wüstenteil, in dem ich vermute, dass sie war. Und er ist nicht so weit entfernt, wie ich glaubte. Diese kleine Wüste liegt praktisch um die Ecke.“
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Ich nahm eine Prise, ließ sie durch die Finger rieseln und beugte mich darüber. Schnupperte. Levi beobachtete jede meiner Regungen. „Hier fehlt der Schwefelgeruch“, stellte ich fest. „Den hatte sie nicht an den Händen.“ „Mag sein“, nickte er. „Ich gehe davon aus, dass der Sand an den Spuren von dem Ort stammt, an dem sie versucht hat, das Buch zu öffnen.“ Er machte eine kurze Pause. „Und nun wird sie es suchen, weil es sich…“ – er verzog den Mund – „…aus dem Staube gemacht hat.“
Ich stöhnte. „Verteilt in ganz Carima? Ich bitte Euch. Ihre Hinterlassenschaften sind überall. Da wird ja jeder Hund neidisch.“ „Nein“, widersprach Levi ruhig. „Sie sucht das Buch hier. In Carima. Und ich bin überzeugt, sie wollte es schnell finden.“ „Und läuft wie Sterntaler mit Sand im Gewand umher?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nach den Spuren zu urteilen, hat sie mindestens ein Kilo davon verstreut.“

„Ich habe den Sand nur vom Rand der Wüste genommen“, erklärte er. „Ich wollte nicht allein weiter hinein. Canidios drohender Finger ist mir noch sehr präsent.“ Ich hob eine Augenbraue. „Aha. Und da hat er recht. Ihr besitzt eine bemerkenswerte Gabe, Euch selbst zu vernichten.“ Ein leises Grunzen entwich mir.
„Also“, sagte ich schließlich. „Wo genau ist diese Wüste?“ Levi machte ein seltsames Geräusch. „Maaah… ich habe den Eingang abriegeln lassen. Und ob man vom Meer aus hinkommt, ist fraglich. Die Felsen sind hoch und fallen steil ins Wasser.“ Ich sah ihn scharf an. „Nicht weit weg, sagtet Ihr?“
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„Die Wüste liegt in der Grafschaft Angmoor. Neben Wyrnburg.“ Ich blinzelte. „Und diese Wüste ist was? Ein Versteck für die schlimmsten Bücher aller Zeiten?“ „Nein!“, widersprach er sofort. „Das Buch war in der Bibliothek. Und wurde entwendet.“ Ich bin manchmal zerstreut“, murmelte ich, „aber nicht gänzlich töricht.“
Ich musterte ihn. „Und weil es der Höllendame gefiel, spazierte sie mit dem Buch in die Wüste?“ Levi schüttelte den Kopf. „Wenn ich als Landgraf handle, ist das kein Problem. Wir müssen nur verhindern, dass die Herzogin dorthin reist.“ Das ließ mich innehalten. „Da fehlt noch etwas“, sagte er nachdenklich. „Ein kleines Stück. Warum genau sie dorthin ging. Da ist mehr. Viel mehr.“., „Natürlich“, murmelte ich. „In Wüsten stehen immer Ruinen. Wüsten fressen Städte. Altbekannt.“
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„Ich habe die Gegend überflogen“, erklärte er. „Selbst in großer Höhe ist es dort noch ungewöhnlich warm.“ Das gefiel mir nicht. „Und?“ „Es war, als sei dort etwas“, sagte Levi langsam. „Etwas, das man dort nicht erwarten würde.“ Ich hob die Hände, griff in die Luft, ballte sie zu Fäusten. „Welch Freude.“
„Etwas ist dort verborgen“, fuhr er fort. „Und entweder kommt sie von dort – oder sie ist genau deshalb dorthin gegangen.“ Ich seufzte. „Wenigstens kein Wasser.“ „Furztrocken“, bestätigte er. „Seit Ewigkeiten kein Regen.“ „Dann“, sagte ich kühl, „werden wir uns das wohl gemeinsam ansehen müssen.“ Er nickte. Doch da war noch etwas.
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„Und was ist mit Eurem anderen Problem?“, fragte ich und wiegte den Kopf leicht, während ich ihn prüfend ansah. Levi verstand sofort. „Ihr meint Niffelchen. Und das Plappermäulchen. Und die Herzogin.“ Ich nickte nur. „Ich werde bei der nächsten Audienz zugegen sein.“ erwiderte Levi.
Ich blieb abrupt stehen. „Nein“, sagte ich langsam. „Ich meine E-U-E-R p-e-r-s-ö-n-l-i-c-h-e-s Problem.“ Levi wich meinem Blick aus. „Ach… das Problem…“ Ich schob nach, scheinbar beiläufig:
„Canidio hat mir alles erzählt.“ Nun sah ich ihn ganz genau an. Sein Kopf sank ein wenig. „Sie sollte doch…“, „Und?“ „Jaaa…“ zog er in die Länge. „Und?“, wiederholte ich schneidend.
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Er atmete aus. „Nun… wie soll ich es sagen. Der Geist des Körpers und mein Geist… sind nun eins.“ Ich sagte nichts. „Ich greife nicht mehr von außen auf den Körper zu. Ich bin nun der Körper.“
Er sah mich schief an. „Die Schuppe.“
Langsam ließ ich die angespannten Schultern sinken. Meine Augen verengten sich. „Also doch“, murmelte ich. „Ich wusste, dass da etwas im Busch ist. Canidio war seltsam. Ihr wart seltsam. Danke für die Aufklärung.“ Ich neigte den Kopf. „Canidio hat übrigens nichts gesagt. Das war gelogen.“
Ein kurzer Moment Stille.
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„Irgendwann wollte ich es Euch sagen“, erwiderte Levi leiser. „Aber der Moment… passte nie. Ihr habt Euch solche Mühe gegeben. Ich wollte Eure hohe Leistung nicht schmälern.“, „Also“, fragte ich trocken, „darf Canidio mir nun alles erzählen? Da ich es halb selbst herausgefunden habe?“ Levi ignorierte den Seitenhieb.
„Die Hohepriesterin der Drachenechsen hat mir aufgelauert.“ Ich blinzelte. „Wie bitte? Die blaue Drachin? Sie war doch auf unserer Seite. Sie hat Euch geholfen. Woher der Sinneswandel?“, „Es gab keinen Sinneswandel“, sagte er bitter. „Sie wollte den Körper. Sie konnte nicht ertragen, dass ein so wertvolles Geschenk eines großen Drachen an einen menschlichen Abschaum vergeudet wird.“

Ich starrte ihn an. „Dann hätte sie es ja auch lassen können, als wir Euch zurückholten.“ „Das war Tarnung“, knurrte er. „Sie wollte beweisen, dass ich hier unter Euch keinen Wert habe. Dass man mich nicht im Zaum halten kann.“ Mir fehlten für einen Moment die Worte. „Und das sagt Ihr mir erst jetzt? Jetzt?“
„Der Körper war nie dafür vorgesehen, dass ich darin wohne“, sagte er ruhig. „Und ich weiß das selbst erst seit dem zweiten Jahresmonat.“ Ich rechnete kurz nach. „Das sind drei Monate zu lang.“ Ich trat einen Schritt näher. „Das heißt also: Wir haben einen labilen Drachen, eine gierige Priesterin, eine Dämonin auf Büchersuche — und das alles zur selben Zeit?“ Ich schnaufte. „Großartig.“
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Levi murmelte leise: „Bringe ein Opfer… doch beachte den Preis.“ Dann sah er mich an. „Labil ist nicht das richtige Wort.“ Ich schnaubte. „Wenn es nach mir gegangen wäre, wäret Ihr im warmen Lokus bestens aufgehoben gewesen.“ Ich spuckte ins Wasser. „Tsk.“ „Das mit der Priesterin stimmt“, sagte er ruhig. „Und das mit der Dämonin auch.“ Dann hob er den Blick. „Aber es ging nicht nach Euch. Und hättet Ihr mich dort hängen lassen, wäret Ihr jetzt der willige Sklave von Niffelchen. Schon vergessen? Die Geschichte mit dem Hafen?“ Ein Knurren entfuhr mir.
„Jeder bringt Opfer“, fuhr er fort. „Auch Ihr bezahlt Preise, die für andere viel zu hoch erscheinen.“, „Wenn Ihr außer Kontrolle geratet“, erwiderte ich scharf, „haben wir gar nichts gewonnen! Dann kommt die Priesterin, macht Euch platt – und Nichneven brennt Carima nieder. Welch sonnige Aussichten!“

„Die beiden Seelen sind nun eins“, sagte Levi ernst. „Ja, ich muss mich auf vieles einstellen. Neue Eindrücke. Das ständige Aufrechterhalten des Wandlungszaubers ist nicht angenehm. Ich rieche und höre Dinge, die ich nicht hören will.“, „Wollt Ihr mir sagen, jetzt ist alles in Butter?“ Ich musterte ihn eisern. „Ihr wart außer Euch. Ich dachte, Ihr verliert endgültig die Kontrolle.“, „Es war zu viel auf einmal.“
Er atmete durch. „Ein Magier, der sich in ein Tier wandelt, bleibt der Magier. Versteht Ihr?“, „Also ein Jungspunt mit Euren neuen Fähigkeiten. Na bravo.“, „Ich bin kein Jungspunt“, knurrte er. „Ich bin über zweitausend Jahre alt.“, „Und dennoch neu geboren“, erwiderte ich kühl. „Unerfahren mit diesen Eindrücken. Das kann ja heiter werden.“ Er zog scharf die Luft ein. Für einen Moment zeichneten sich die Nüstern deutlicher ab. In seiner Hand formte sich ein kleiner Sturm.
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„Ihr zweifelt an meinen Fähigkeiten?“ Ich sah ihn ohne zu blinzeln an. „Ja. Ich zweifle daran, dass Ihr das gebacken bekommt. Aus Erfahrung.“ Der Sturm verschwand. Er trat vor und stieß mir mit dem Finger gegen die Brust. Ich wich keinen Millimeter zurück.
„Erfahrung?“, maulte er leise. „Jetzt kommt Ihr mir mit Erfahrung? Jemand, der aus Überschätzung ein Buch in sich verschlossen hält, das jederzeit ausbrechen kann? Der grüne Schuppen bekommt, wenn es heiß hergeht? Der panische Angst vor Wasser hat?“ Er pochte noch einmal gegen mein Brustbein.
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„Soll ich noch mehr aufzählen?“ Ich zog die Luft durch die Zähne. „Alter schützt vor Torheit nicht. Ihr übertrefft mich bei weitem.“, „Ich habe mir den Arsch aufgerissen—“ Er stoppte kurz. „Nein. Der war sogar weg, als ich Nichneven das erste Mal begegnet bin.“, „Ohhh“, hob ich die Brauen. „Das führt Ihr jetzt ins Feld?“, „Wenn Ihr mir mit Erfahrung kommt – ja.“ Ich leckte grinsend die Zähne. „Ihr seid genauso ein Dummkopf wie ich.“ Er wurde ruhiger. „Mancher Preis erscheint zu hoch.“ Dann sah er mich direkt an.
„Würdet Ihr einen Freund im Stich lassen? Würdet Ihr das Weite suchen?“ Ich spielte mit den Wangenmuskeln. „Ihr würdet hier wohl nicht stehen, wenn ich es getan hätte.“, „Verdammt richtig“, erwiderte er. „Und wir würden dieses Gespräch nicht führen, wenn ich Euch nicht aus den Fängen von Niffelchen geholt hätte. Also erzählt mir nichts von zu hoch angesetzten Opfern.“
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Das saß. Doch ich konterte: „Aber vor mir verheimlichen, dass Ihr Ärger an der Backe habt! Canidio einweihen – aber nicht Euren alten Meister?“, „Weil mein alter Meister schon genug an der Backe hat mit dem ewigen Schüler“, murmelte er. „So wie Mithrandir es nennt.“ Ein frustriertes Geräusch entwich mir. „Eine Feder ist leicht“, sagte Levi leise. „Viele Federn werden zur Last.“ Ich schwieg einen Moment.
Dann: „Einigen wir uns darauf, dass wir bald handeln müssen. Statt uns hier gegenseitig die Gurgel zuzudrücken.“ Levi nickte. „Ihr habt recht, werter Freund.“ Und so standen wir da. Zwei alte Narren. Aber noch immer Seite an Seite.
„Sagt mir, ob der Sand passt“, meinte Levi schließlich. Ich verpasste ihm einen seichten Buffer gegen die Schulter. Er nahm ihn mit kaum merklicher Bewegung hin. „Und dann“, fuhr er fort, „werden wir dorthin gehen. Und es untersuchen.“, „Gut“, brummte ich. „Zum Glück hat sie nicht das Buch *Wie man die Elemente des Seins auflöst*.“

„Der Schutz ist übrigens erneuert“, sagte er. „Die Bibliothek – beziehungsweise der betroffene Abschnitt – ist wieder sicher.“, „Der Ärger wird dennoch nicht lange auf sich warten lassen“, entgegnete ich. „Auch wenn ich hoffe, dass ich mich irre.“ Ich steckte das Sandsäckchen ein.
„Nun gut. Ich werde Canidio den Kopf waschen – und mir den Sand genauer ansehen.“
„Eine Bitte“, sagte Levi. Ich drehte mich halb zu ihm. „Ja …?“, „Lasst das mit dem Kopfwaschen. Der Schuldige steht hier. Und es war mein Wunsch, es Euch selbst zu sagen.“ Ich musterte ihn.
Dann legte sich ein sehr unschöner Ausdruck auf mein Gesicht. „Trotzdem bekommt Canidio etwas ganz Besonderes.“ Levi lachte leise. „Ihr würdet Euch ja doch nicht davon abhalten lassen.“ „Ihr werdet es beizeiten erfahren“, erwiderte ich und machte Anstalten zu gehen.
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„Sichere Wege, werter Freund“, rief er mir nach. „Und macht Euch nicht verrückt. Das bringt nur Ärger.“ Ich brummte etwas Unverständliches und ging, ohne mich noch einmal umzusehen. Hinter mir hörte ich Levi leise lachen. Der Sand in meiner Tasche fühlte sich plötzlich schwerer an, als er sollte.