Es begann – wie so oft – mit einem Schrei.
Ich war gerade dabei, gemütlich den Marktplatz zu überqueren, als Frekya, die Novizin der Schamanen, plötzlich aufkreischte, als hätte jemand ihr das Seelenheil geklaut. Noch bevor ich wusste, was eigentlich los war, hatte meine Hand schon einen der Frösche vom Tisch geschnappt und zurückgeworfen. Reine Selbstverteidigung.
Platsch! Der Treffer saß. Leider auf ihrer Stirn. „Menno! Wieso werft Ihr Frösche nach mir?“ Ich hüstelte etwas:. „Verteidigung. War so ein Reflex.“ Sie zog eine Schnute, und ich spürte, wie mein Ruf als Meister der Magie wieder ein kleines Stück weiter in Richtung Marktplatzclown rutschte.
„Ich dachte, es wäre diese Niffelchen!“, rief sie empört. Niffelchen. Der Spitzname, den man in Carima der Dämonin Nichneven gegeben hatte. Ein Name, der klingt, als würde man über ein Plüschtier sprechen, nicht über eine uralte Bedrohung.
Ich atmete tief durch und erklärte ruhig: „Und diese "Niffelchen" würde Euch sicher nur ärgern. Wenn sie etwas im Sinn hat, dann macht sie das im Geheimen und weidet sich daran, wie Ihr Euch ärgert, wenn Ihr dann darauf trefft. Also so spontan ein Angriff passiert eher selten.“
In dem Moment rief jemand hinter mir „Buuuh!“ Ein weiterer Schrei von Frekya, diesmal mit magischer Untermalung – und ehe ich mich versah, zischte ein Blitz in meine Richtung. Ich griff nach dem erstbesten Gegenstand: einem Tablett. Sprang hoch. Drehte es instinktiv.
Zisch–pling! Der Blitz prallte ab, schlug irgendwo hinter mir ein. Wenn es in der Zukunft einmal eine Sportart namens Tennis geben sollte, dann wäre sie wahrscheinlich auf mich zurückzuführen gewesen. „Ach, Ihr seid es bloß, Kuchenfrau“, rief Frekya erleichtert, als sie die unschuldige Elamanu erkannte, die sie beinahe zu Asche gebrutzelt hätte. Ich ließ das Tablett sinken, noch leicht dampfend.
„Die Niffelchen war gestern hier“, erklärte die Schamanennovizin Frekya dann, als wäre das eine Kleinigkeit. Ich starrte sie an. „Wie bitte? Und das sagt Ihr mir erst jetzt?! War sie am Baum? Hat sie was gesucht? Hat sie Euch etwas getan?“ Keine Antwort. Ich rede gern mit Menschen, aber manchmal habe ich das Gefühl, sie testen meinen Geduldsfaden auf Reißfestigkeit.
Gerade, als ich Luft holen wollte, kam Blue über den Platz. „Guten Abend“, sagte sie ruhig, als wäre hier nichts weiter geschehen, und winkte uns zu. Frekya, immer noch leicht rußgeschminkt, lächelte schwach. „Kala Blue.“ Ich nickte ebenfalls, innerlich schwörend, beim nächsten Treffen lieber mit Schutzzaubern als mit Tabletts zu arbeiten.
Ich winkte Blue kurz zu, die gerade am Rand des Platzes auftauchte, und wartete auf Frekyas Roman nach meiner Fragenlöcherei. „Sie war ganz freundlich – so komisch freundlich“, sagte Frekya schließlich. „Ihr habt sie erkannt? Oder vielleicht doch verwechselt?“ hakte ich nach. „Nein, ich habe sie ja schon auf der Audienz mal gesehen und wollte ihr Augentropfen schenken wegen der roten Augen. Sie war es, hat sich ja auch vorgestellt.“, „Verstehe.“ murmelte ich leise.
„Blue und Ela haben sie auch gesehen und der Gildenmeister Sir Levi“, sagte sie überzeugt. „Was hab ich gesehen, Frekya?“ fragte Blue und schaute verwirrt. Frekya schüttelte den Kopf. „Aber es war ganz sicher Niffelchen.“,„Ach … er war auch hier?“ fragte ich. „Verstehe. Dann ist es kein Wunder, wenn sie sich zurückhält.“
In
dem Moment erklang hinter uns eine Stimme. „Guten Abend.“ Sir Levi war
erschienen. „IIIIIKKKKK!“ kreischte Frekya. „Oh je oh weh, wir werden
alle sterben!“ Ich hielt vorsichtshalber wieder das Tablett bereit,
falls noch ein Blitz folgen sollte. „Was ist hier los? Was soll das
Geschrei?“, meinte Sir Levi ruhig. Blue blickte erschrocken umher, ich
gab nur ein leises Brummen von mir und ich legte das Tablett zurück. Sir
Levi sah sich um, sichtlich genervt vom Lärm. „Was ist hier los? Was
soll das Geschrei?“
Ich deutete mit einer kleinen Handbewegung auf die Runde. „Also bekomme ich jetzt eine kleine Zusammenfassung? Nichneven war wieder da, hat aber nichts gemacht?“, „Genau! Niffelchen war hier, hab ich doch gesagt!“, rief Frekya sofort. Blue nickte. „Ja, die habe ich auch gesehen.“ Sir Levi verschränkte die Arme. „Die hat wieder ihr übliches ‘Ich bin ganz arm dran’-Geschichte erzählt.“
„Ja,
mit dem kleinen Nebensatz … die junge Dame hier hat sie auch noch
geärgert …“, ergänzte ich und deutete auf Frekya. „Ich hab sie nicht
geärgert, nur gepiekst!“, verteidigte sich die Novizin. „Ich dachte,
vielleicht platzt sie ja.“ Ich rieb mir die Stirn. „Und wie hat sie es
aufgenommen?“ Sir Levi antwortete ruhig: „Sie hat, weil so viele am
Markt waren, keine krummen Dinger gemacht. Nur etwas dezent gegen Frekya
gestichelt.“
„Aha“,
sagte ich. „Wie ich vorher sagte: Sie macht nur schlimme Sachen, wenn
sie sauer ist.“, „Begeistert war sie nicht“, fuhr Levi fort. „Sie ist
dann auf einmal wieder ihrer Wege gegangen und verschwand Richtung
Atelier.“ Ich blinzelte. „Was … schon wieder?“ Levi zeigte in die
Richtung. „Also die Richtung.“ Frekya schaute dabei demonstrativ
unschuldig drein. Ich murmelte etwas von „vorbereiten“ und kratzte mir
nachdenklich den Hals.
„Aber
sie hat nicht da an der Eiche hinterm Stand geschnüffelt oder so?“
hakte ich vorsichtig nach. „Das habe ich nicht gesehen“, sagte Levi.
„Wir sind da was trinken gegangen.“ Blue sah mich fragend an. „Warum
sollte sie an der Eiche schnüffeln?“ „Aber als ich in der Nacht nochmals
nachgeschaut habe, war alles in Ordnung“, schloss Levi ab.
Ich hatte zuvor ein geheimnisvolles Buch an der Eiche gefunden, und wie es schien, war dieses Buch sehr alt und sehr gefährlich. Wie es dorthin gelangt war, wusste ich nicht. Aber die magischen Rückstände erklärten einiges. Vielleicht war Nichneven auf der Suche nach genau diesem Buch?













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